Freitag, 30. Dezember 2011

Messer und Gabel

Die Zeit rennt seit ich begonnen habe, meine Abende in der Abendschule zu verbringen. Jetzt sind die ersten vier Wochen des Kurses um und ich habe die grundlegende Grammatik der Sprache fundierter gelernt, als in meiner Selbstlektüre mit einem - wie sich jetzt im Sprachkurs herausgestellt hat - ziemlich löchrigen Lernbuch. Außerdem zwingt mich der Kurs dazu, regelmäßig etwas zu tun. Wenn ich mir vornehme, alleine zu lernen, dann gerate ich zwangsläufig in einen Konflikt mit meiner schwach ausgeprägten Selbstdisziplin.

In der Schule läuft es weiter wie gewohnt, mit der Ausnahme, dass ich in den jüngeren Klassen größere Probleme bekommen habe. Die ohnehin schon sehr lebhaften Kinder haben angefangen meine Autorität in Frage zu stellen, was sich in einer durchgehend nervenaufreibenden Lautstärke und schlechter Mitarbeit äußert. Auch wenn Burak mir versicherte, dass die anderen Lehrer ähnliche Probleme mit den Kindern hätten, gab er mir den Ratschlag, die Kinder mehr auf Abstand zu halten. Ich finde das sehr schade, denn ich würde gern die Möglichkeit nutzen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Der jetzige Unterricht in den 3. und 4. Klassen kostet allerdings wirklich Nerven und ist außerdem unbefriedigend, denn die Fortschritte im Stoff sind gering. Als ich am Donnerstag dann eine 5. Klasse unterrichtete, war ich von der anhaltenden Stille so überrascht, dass ich die Klasse verwundert "Schlaft ihr?" fragte.
Am Dienstag musste der Unterricht außerdem später anfangen, denn wir beiden Lehrerinnen waren in der Küche gefangen. Das Schloss klemmte und der Schlüssel konnte nicht aufgetrieben werden. Nach einer Viertelstunde schließlich, mussten wir uns mit Messer und Gabel den Weg nach draußen freibrechen. Immerhin befand sich das Frühstück auf unserer Seite der störrischen Tür.

Nun nähert sich das Ende des Jahres und in meiner Sprachschule haben wir bereits Silvester gefeiert, natürlich unter dem türkischen Titel: "Christmas Party". Ich werde das neue Jahr zwischen den beiden Kontinenten begehen, bei einer Bootsparty auf dem Bospurus!





Das sind die Mädels aus meiner Sprachschule. Ganz rechts steht meine Türkischlehrerin Emine.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Heilig Abend

Und dann habe ich es schließlich doch gefunden: Weihnachten in Istanbul. Meinen Heiligen Abend habe ich gemeinsam mit 19 anderen Studenten aus aller Welt gefeiert. Die Gästen kamen mit Italien, Deutschland, Ungarn, Belgien, Holland, Griechenland und der Türkei aus immerhin sieben verschiedenen Ländern. Bekocht von unserem italienischen Gastgeber und verwöhnt von vier Gängen, mit frischem Fisch, italinischer Pasta, Salaten, Garnelen und leckeren Desserts, schufen wir uns unser Weihnachtsfest. Vervollständigt wurde das ganze durch stimmungvolle Musik in allen Sprachen (wir deutschen Mädchen steuerten Rolf Zuckowkis unvergessenes "In der Weihnachtsbäckerei" bei). Selbst ein bisschen Deko konnten wir auftreiben: Lichterketten, Kerzen und mein kleiner blinkender Plastiktannenbaum. Und schließlich hatten wir sogar einen echten kleinen Weihnachtsbaum, keine 30 Zentimeter hoch und unverwöhnt von edlem Wuchs - aber immerhin nicht aus Plastik. 
Der Abend hielt noch eine Überraschung bereit, als ich nämlich mit einem Mädchen, das ebenfalls in Bremen studiert, ins Gespräch kam. Wir fanden dann nämlich bald heraus, dass wir im letzten Semester nicht nur in den gleichen Vorlesungen gesessen hatten, sondern in Bremen quasi Nachbarn sind - sie wohnt nur zwei Häuser von mir entfernt! Solche Zufälle gibts!
Um die Nachbarn unserer Gastgeber zu schonen, verlegten wir unsere Weihnachtsfeier um Mitternacht nach Taksim, wo wir bis in die Morgenstunden tanzten. Das ist Weihnachten in Istanbul: Kosmopolitisch, improvisiert und unvergesslich.
Am Abend überraschte uns der erste Schnee in Istanbul, der kräftig von Himmel rieselte, aber nicht liegen blieb. Hinsichtlich der Temperaturen ist der Winter nun aber doch in Istanbul angekommen: Sie sind auf ein paar Grad über dem Nullpunkt gefallen.

Samstag, 24. Dezember 2011

Frohes Fest

Es ist schon merkwürdig: Meinen Kaffee trinke ich aus einer Tasse mit einem, den Tannenbaum schmückenden, Weihnachtsmann drauf; neben mir stehen ein kleiner blinkender Plastiktannenbaum und Weihnachtspaketen aus Deutschland mit Geschenken, natürlich in Weihnachtsoptik. Aber nach Weihnachten kann man hier lange suchen.
Wenn ich an Weihnachtstrickfilme aus meiner Kindheit zurückdenke, dann sehe ich immer den Weihnachtsmann vor mir, der seine Geschenke an die entlegendsten Orte der Welt bringt - an den Nordpol und in die Wüste zum Beispiel - wo dann dunkelhäutige Kinder dankbar die Arme in die Luft reißen. Ja hat dem Weihnachtsmann denn niemand gesagt, dass man ihn dort gar nicht kennt? Die Türken haben zwar den ganzen Weihnachtsklimbim übernommen - Plastiktannen, singende Weihnachtsmänner und ordentlich Lametta. Aber "Weihnachten" kennen sie nicht. In den letzten Wochen habe ich immer und immer wieder erstaunten Türken erzählt, dass unser Weihnachten am 24. ist. Und dann in einem zweiten Schritt versucht zu erklären, dass Weihnachten für uns sehr wichtig ist. Als es dann aber darum ging, die deutschen Weihnachtsbräuche zu erklären - Schokolade im Schuh, Adventskränze, Adventskalender, Geschenke, Weihnachtsbaum - da erntete ich große Augen. Unser Fest in reich an diesen Bräuchen, das Opferfest im Islam kommt hingegen unscheinbar daher.
Mir selbst ein Stück Weihnachten zu schaffen, hier in Istanbul, ist schwer. Weihnachten ist eben mehr als das ganze schmuckvolle Drumherum. Ich spreche nicht allein von dem christlichen Gedanken dahinter, sondern eben auch von Menschen, die das gleiche kulturelle Erbe teilen. Weihnachten ist immer auch verbunden mit den Erinnerungen an die Kindheit, mit den Bräuchen, die, wenn man sie erklärt, komisch klingen - warum zündet man denn an vier Sonntagen Kerzen an und warum stellt man sich einen geschmückten Tannebaum ins Wohnzimmer? Wer diese Erinnerungen nicht teilt, für den ist es schwer zu verstehen, warum Weihnachten so wichtig ist. 

Ich werde mir mit Erasmusstudenten einen schönen Abend machen und die Weihnachtssüßigkeiten aus den Paketen vernichten. Zusammen mit dem Plastiktannenbaum und einer Weihnachtslied-Playlist auf Youtube (jedes Jahr unvermeidlich: Das "Dezemverträume" Album von Rolf Zuckowski rauf und runter zu hören) werde ich mir hier eine kleine Weihnachtsbastion im unweihnachtlichen, herbstlich grauen Istanbul schaffen. FROHE WEIHNACHTEN!

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Weihnachtspost

Mein verzweifelter Versuch, die Weihnachtspost auf den Weg nach Deutschland zu bringen, gipfelte in der Erkenntnis, dass Bürokratie auch in der Türkei heimisch ist - und Postbeamte international missgelaunt zu sein scheinen, quasi als Form interner Handlungvorgabe. Montag noch ärgerte ich mich über die Tatsache, dass nach halbstündiger Suche nach der nächsten Postfiliale (Türken schicken dich lieber in die falsche Richtung anstatt nichts zu sagen), diese gerade zehn Minuten zuvor, um fünf Uhr nachmittags nämlich, ihre Türen geschlossen hatte. Heute hingegen wäre ich ohne Feyyaz Hilfe (den ich zum Mittag in der Marmara Universität besucht habe) in der Postfilale (heißt in der Türkei PTT) verloren gewesen. Minutenlanges diskutieren mit dem Postbeamten führte dazu, dass Feyyaz den Campus verlassen musste, um einen Breifumschlag zu kaufen, der nicht in der Filiale selbst verkauft wurde (warum denn auch?). Ich konnte übrigens nicht selbst gehen, weil ich meinen Perso an einem anderen Eingang abgeben musste - denn an allen Universitäteingängen steht eine Sicherheitskontrolle. Eine Polizeistation samt vollbeladenem (untätigen) Mannschaftswagen gibt es ebenfalls - wozu auch immer. Anschließend füllten wir drei verschiedene Formblätter aus, von denen eines unnötig war und drängelten uns erneut an der Schlange vorbei. Die Post auf den Weg zu bringen (ein großer Briefumschlag, drei Postkarten) kostete uns eine halbe Stunde Lebenszeit.

Mir kam heute die Idee, eine Fotostrecke über wild lebende, schlafende Hunde in Istanbul zu machen. Ich kann mich immer wieder über die Tiere amüsieren, die an den unmöglichsten Stellen zum schlafen zusammenrollen und Passanten stolpern lassen oder sie dazu zwingen, umständlich über sie hinwegzusteigen. Beliebte Orte sind die Mitte des Bürgersteigs, das Drehkreuz vom Bahnhofseingang und Supermarkteingänge generell. Eben überall dort, wo sie wirklich im Weg herum liegen können. Fast ließe sich da eine Absicht vermuten.


Regenwetter

Mein Schulweg (schon komisch seinen Weg zur Arbeit so betiteln zu können) hat sich heute in ein kniffliges Jump-and-Run-Game verwandelt. In Istanbul hat es heute geregnet. Nicht nur ein bisschen, sondern so, wie man es sonst vom besten Bremer Herbstregenwetter gewohnt ist. Obwohl die Niederschlagsrate in Istanbul tatsächlich höher ist als in Bremen, sind die Straßen nicht wirklich auf Dauerregen eingestellt. Auch Hauptstraßen entwickeln sich mitunter zu Flüssen. Und da Autos nicht bremensen wollen/ können/ werden bedeutet das für den Fußgänger, der neben den Riesenpfützen zur Arbeit eilt (ich): Rennen, bremsen, rennen, zur Seite springen, rennen - um dem Wasser von unten zu entgehen. Ansonsten lässt sich das einfach Prinzip "Großes Auto + große Pfütze am Straßenrand = Nasse Fußgänger" anwenden.
Istanbuler sind keine Freunde von Wolkenbrüchen, das lässt sich an einem Tag wie heute auf jedem Gesicht ablesen. Immerhin werden beim ersten Regentropfen an jeder Ecke Regenschirme verkauft. Dennoch steigen scheinbar viele Fußgänger auf öffentliche Verkehrsmittel um, denn mein Morgenzug war gelinde gesagt überfüllt. Eine wirkliche Einsteige-/ Austeigekultur ist quasi unbekannt. Es wird gedrengelt, gedrückt und gequetscht, bis man selbst drin ist. Das Prinzip "Erst aussteigen lassen, dann selbst einsteigen" ist gänzlich unbekannt. Es würde das Morgengewühle allerdings auf revolutionäre Weise minimieren. So aber reiben sich zwei entgegengesetzte Menschenströme rempelnd aneinander, in dem verzweifelten Versuch sich in die überfüllten Fahrzeuge zu quetschen. Und ich bin mittendrin.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Aufgeräumtes Altersheim

 Wochenenden in Istanbul bleiben niemals ruhig. Freitagabend noch habe ich mich kurzfristig zum Einkaufen am Samstag verabredete und steuerte einem ansonsten ruhigen Wochenende entgegen. Mein Einkaufsbummel mit Andrea zog sich dann allerdings hin - auf der europäischen, dann auf der asiatischen Seite, die wir als Geheimtipp entdeckten: Touristenfrei, günstig, bunt und aufregend. Und während ich noch zu Andrea meinte, wie merkwürdig es wäre, in dieser Atmopshäre Weihnachtsgeschenke zu kaufen, standen wir schon vor einem kleinen Geschäft, das überquoll von Weihnachts-Bling-Bling und tanzenden Weihnachtsmännern. Tatsache ist nämlich, dass Türken Weihnachten feiern - allerdings an Neujahr. Und es scheint auch nicht viel an unser Weihnachten zu erinnern - keine der üblichen Bräuche, keine Geschenke. Aber die volle Ladung an Dekoration. Seit heute steht im Wohnzimmer meiner Gasteltern ein zwei Meter hoher, blinkender Plastikweihnachtsbaum, der nach ihren Angaben bis März dort stehen bleibt, weil ihn alle so hübsch finden.
Im Anschluss wollten wir auf die europäische Seite zurück, die hohen Wellen auf dem Bospurus führten allerdings dazu, dass wir von der Fähre auf ein Taxi umsteigen mussten. In der folgenden halben Stunde sahen wir dank der Fahrweise des Taxifahrers unser Leben an uns vorbeiziehen. Der Anschnallgurt war natürlich funktionsuntauglich. Im Anschluss an die Fahrt grinste er uns dreckig an - weil ihm nicht entgangen war, wie wir auf seine halbsbrecherischen Manöver reagiert hatten.
Nach einem kurzen Abendessen im Gehen, bei dem ich Cig-Köfte für mich entdeckte (rohes Lammfleisch mit Tomaten und Kräutern, zusammen mit Salat in Teig eingewickelt), gesellten wir uns zu Andreas "Lieblingsnachbarn". Eine koreanische Mitstudentin namens Sienna hatte Geburtstag und weil die Gäste aus Frankreich, Italien, Südkorea und Deutschland kamen wurde ihr Geburtstagslied fünfsprachig vorgetragen. Anschließend besuchten wir die Studentenparty im Istanbul Live in Taksim.

Während der Fahrt mit dem Metrobus am Samstag habe ich mich mit einem türkischen Mädchen unterhalten, das in Deutschland aufgewachsen und dann in die Türkei zurückgekehrt ist. Als ich sie fragte, welches Land sie lieber mögen würde, deutete sie nur aus dem Fenster und meinte: "Sie es dir an. Ich bin so froh wieder in der Türkei zu sein." Tatsächlich kehren mehr Türken in die Türkei zurück, als von der Türkei Richtung Deutschland emigrieren. Und das nicht ohne Grund: Die türkische Wirtschaft boomt und kann eine Wachstumsrate um 10% vorweisen. Deutschtürken haben in der Türkei häufig sehr viel bessere Zukunftsperspektiven als in Deutschland.
Andrea kehrt in dieser Woche nach 4 1/2 Monaten über Weihnachten nach Bremen zurück und sagt selbst, sie wäre aufgeregter, als vor dem Hinflug. Wie wird sich Deutschland in ihren Augen verändert haben? 
Ich habe heute den Kommentar einer in der Türkei lebenden Deutschen gelesen: Neben der Türkei wirke Deutschland wie ein aufgeräumtes Altersheim. Ich fürchte, sie hat damit nicht ganz unrecht.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Kleine Momente

Ein Tager voller kleiner Momente.

In der Schule kam Burak in meine Stunde, um mich darauf hinzuweisen, dass einige Kinder in der nächsten Woche einen Test schreiben und deshalb nicht kommen würden. Aber ich konnte grinsend erwidern: "Ich weiß, das haben mir die Kinder schon erzählt" - und zwar auf Türkisch! (Und ich habe es verstanden)

Zwischendrin verteilte ich die Weihnachtssüßigkeiten aus meinem Fresspaket an meine Kollegen - und alle waren ganz begeistert von den Leckereien!

In der Abendschule bekamen die russischen Mädchen einen Lachanfall, als wir über komische Türkische Wörter sprachen, die Wörter in den eigenen Sprache ähneln. Scheinbar ähnelt das Türkische Wort für Charakter einem üblen russischen Schimpfwort. Allerdings - nachvollziehen konnte das minutenlange schallende Lachen niemand so recht.
"Birne" heißt im türkischen übrigens "armut". Und auch andere Wörter locken mir ein Lächeln auf die Lippen, wenn offensichtlich ist, dass ehemals ausländische Begriffe eingetürkscht wurden: Das englische "actor" (Schauspieler) wird zu "aktör", aber genauso ausgesprochen wie sein englisches Pendant. Und Fernbediehnung heißt auf türkisch "kumanda" - ausgesprochen wie in "Commander Kirk".

In der Sprachschule habe ich beim Toilettengang ein Mädchen fragen hören, wie das Licht angeht, wohl mehr zu sich selbst - aber auf deutsch! Daraufhin habe ich sie in eine Gespräch verwickelt, glücklich doch noch Deutsch sprechen zu können. Und die Gelegenheit habe ich gleich so ausgiebig genutzt, dass Emine mich an den Ohren in den Klassenraum zurück schleifen musste, weil die Pause längst vorbei war. 

Auf dem Rückweg bin ich spontan mit einem Türken ins Gespräch gekommen, der seit einer Woche Englisch lernt. Wir hatten sogar so etwas wie eine Unterhaltung. Langsam aber sicher vestehen die Menschen um mich herum meine Wortfetzen immer besser. Mit der Haushälterin hatte ich am Frühstückstisch ebenfalls eine Unterhaltung - sie hat mir von ihrem Bruder in Australien erzählt.

Aber es gab auch andere Momente, Momente, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Manchmal tritt die Armut in dieser Stadt mit einer unverhohlenen Deutlichkeit in mein Bewusstsein: Wenn Männer in der Bahn versuchen, billigen Krimskrams, wie Taschenlampen oder Pflaster zu verkaufen. Das selbe Bild auf den Straßen, wo Verkäufer auf Decken ihre Waren ausbreiten: Uhren, Socken, Tücher, Plastikspielzeug. Einige verkaufen Taschentücher und erbetteln sich dadurch ein wenig Geld, andere haben eine Waage auf den Fußgängerweg gestellt und für ein bisschen Kleingeld darf man sich darauf stellen. Von diesen Menschen sieht man viele und nicht immer kann ich an ihnen vorbeisehen.