Mittwoch, 15. Februar 2012

Ominöse Geschäftspraktiken

Eine neue Episode aus der Reihe: Ich brauche eine Dienstleistung, kann kein Türkisch und versuche dem Menschen gegenüber mit Händen und Füßen und einem unverständlichen Türkischmatsch zu erklären, was ich eigentlich will. 
Heute: Xenia beim Schuster.
Ich habe heute meine geliebten Lederstiefel zum Absatzwechsel in die Werkstatt gebracht. 

Die Szenerie muss man sich wie folgt vorstellen: Winzige Ein-Raum Werkstatt, keine zehn Quadratmeter. In der Ecke ein rauschender Fernseher; Programm: Seifenoper (zu sehen ist natürlich eine heulende Frau). Auf dem Boden zerfetztes Linoleum mit Holzprint. Als ich reinkomme, sitzt eine Frau auf dem Stuhl vor dem, was wohl eine Theke sein soll und diskutiert mit dem Schuster. Er: Mitte Vierzig, Halbglatze, wohlgenährt, qualmende Zigarette im Mund, die alles um ihn herum vollascht und den Raum in dicken Qual hüllt. Er hantiert mit glänzenden Abendschuhen, sie lamentiert über den Preis. Dann darüber, dass er kein Telefon besitzt und Vorkasse verlangt. Sie ist ganz außer sich und versucht sich mit mir zu verbrüdern, diskutiert jetzt mit mir und ich nicke verständnisvoll. Als sie geht, ist ihr nicht aufgefallen, dass ich nur einen Bruchsteil ihrer Entrüstung verstanden habe. 
Jetzt ist es an mir, ihm zu erklären, was ich will und das geht merkwürdig schnell und leicht. Absätze neu, wird gemacht. Dann allerdings hantiert es mit dem Schraubenzieher an der Sohle meiner Lieblingsschuhe – ein Anblick, von dem ich seit heute weiß, dass ich ihn nicht gut ertragen kann. Ich höre schon die Absätze abreißen. Klingt in meinen Ohren wie Fingernägel auf einer Tafel. Genauso wenig mag ich es, dass er mit einem roten Kulli den Arbeitsauftrag auf die Schuhsohle kritzelt. Genau das tut er aber. Über mein Entsetzten kann er nur lachen. Bevor ich die Schuhe aus der Hand gebe, sage ich ihm zehn Mal, dass es sich um meine Lieblingsschuhe handelt und er vorsichtig sein soll. Er lacht. Auch von mir verlangt er Vorkasse und meinen Namen schreibt er sich erst auf, als ich es ausdrücklich verlange. Ominöse Geschäftspraktiken sind das. Bin gespannt, ob ich meine Stiefel zurückbekomme. Und wenn ja: Wie

Mein Kampf

Ich habe ja schon einmal erwähnt, dass die Multimedia-Tafel in meinem Klassenraum gegen mich ist. Wahrscheinlich ist das kein spezieller Hass gegen die Aushilfslehrerin aus Deutschland, die in den ersten Wochen wie eine Irre auf der Oberfläche herum gehämmert hat und ständig den Stift fallen lässt. Wahrscheinlicher ist, sie hasst Benutzer generell; Lehrer dieser Schule im Speziellen. Aber das wusste bisher ja keiner außer mir. Bisher galt: Einer gegen einen; ich gegen die Tafel - eine Horde unruhiger Schüler im Nacken.

Heute dann hat sie den Geist aufgegeben, hat den Dienst verweigert und ihr verwegener Komplize, ein schwarzer Standcomputer Modell XP, gleich mit. Immerhin war das Mitgefühl meiner Kollegin Mehtap auf meiner Seite, die gestern gezwungen war, an meiner Tafel zu schreiben. Herrlich, wie sie mir in wilder Zeichensprache zu erklären versucht hat, welche Macken das Gerät bei der Bedienung aufweist. Wusste ich allerdings schon längst. Habe Abwehrstrategien entwickelt, die ich aber nicht an sie weitergegeben habe. Das ist mein Kampf!
Heute dann aber verschärfte Bedingungen: Ausgerechnet in der gefährlichen zweiten Unterrichtshälfte (siehe Aufmerksamkeitsspanne bei Drittklässlern) quittierte die Tafel den Dienst. Hinter mir zwölf hibbelige Kinder, fünf hielt es kaum auf ihren Stühlen. 
Mein Unterrichtsmaterial: Auf dem Rechner. 
Übrige Zeit, die zu überbrücken war: 30 Minuten.
Übersetzer, der Spiele erklären könnte: Außer Haus.
Willkommen in meinem Alltag.
Vor drei Wochen war eine Gruppe amerikanischer Referendare in der Schule und hat die Kinder in Englisch unterrichtet. Hıdır war dabei, hat übersetzt und unterstützt. Nebenbei hat mich eine der jungen Frauen gefragt, wie denn mein Unterricht gewöhnlich aussehen würde. Ich werde ihr unglaubwürdiges Gesicht nicht vergessen, als ich ihr erzählt habe, dass ich weder Englisch, noch Lehramt studiere, kein Türkisch spreche und auch keinen Übersetzer habe. Und das bei diesen Kindern! Ihr Fazit: „You are brave“ – „Du bist mutig.“

Nervenkitzel

Habe mich auf das ultimative Abenteuer eingelassen. Purer Nervenkitzel. Herzklopfen inklusive. Ein Friseurbesuch in Istanbul!
Meine grundlegenden Sprachkenntnisse griffen hier nicht - wer lernt schon "Stufen schneiden, aber nicht zu kurz"  im Grundkurs? Eben. Erklären musste ich meine Wunschvorstellungen mit den Händen.

Folgende Szenerie: Ich forme mit dem Mittel- und Zeigefinger eine Schere und mache an der richtigen Stelle (nur die Haarspitzen) Schnipp-Schnapp. Deute dann auf das restliche Haar und mache eine wegwerfende Handbewegung: Hier nicht. Stufen sollen rauswachsen! 
Ich: Schüttel energisch den Kopf um das Nein zu untersreichen. 
Der Friseur nickt verständnisvoll. 
Ich: Wieder Schnittbewegungen an den Spitzen.
Er nickt wieder.
Wir sind uns einig.
Was folgt ist eine lebhafte Zeichendiskussion, ob ich mir vorher die Haare waschen lassen muss oder nicht. Ich mache ein wichtiges Gesicht, deute auf die Uhr und sage: "Ich habe nur dreißig Minuten." Mein Friseur reagiert mit der typischen Erwiderungsgeste all jener, die mehr als genug Zeit haben: "Kein Problem. Schaffen wir."
Das Waschen ist schnell erledigt, doch nach dem ersten Schnitt hält er mir erwartungsvoll meine Haarspitzen unter die Nase und wartet auf meine Zustimmung. So ok? Ich nicke - wenn nicht, wäre es ohnehin zu spät. Das Spiel wiederholt sich: Er schneidet und hält mir das Ergebnis unter die Nase, solange bis in seiner Handfläche nur noch millimeterlange Fitzelchen liegen. Ich kämpfe meine Armbanduhr unter dem Überwurf heraus und atme auf. Das ging schnell. Doch da hatte mein Friseur auch den Föhn noch nicht angesetzt. In Sachen Sorgfalt können hier deutsche Friseure definitiv etwas lernen - was nun folgt ist eine Haartrocknung mit nie dagwesener Hingabe, nur unterbrochen von seiner regelmäßig wiederkehrenden Frage, was ich denn nun trinken möchte. Dass ich getränktechnisch vollkommen wunschlos bin, macht ihn ganz kirre, verstößt es doch gegen den übermächtigen türkischen Servicegeist. Schließlich mischt sich auch die Besitzerin ein und versucht mir ein Glas Cay anzudrehen. Die stämmige Frau in kräftigen Farben hat als Haupthaar einen rosanen Büschel, geformt wie ein Wattebausch samt einem ordentlich geföhntem Pony, der ausschaut als hinge ihr eine umgedrehte Regenrinne im Gesicht. Sie will mich überreden meinen Pony schneiden zu lassen. Während ich wild gestikulierend ablehne, versuche ich nicht auf ihren Pony zu starren. 
Dann rennt die Zeit und wird knapp und ein Blick in den Spiegel sagt mir, dass er zehn Minuten gebraucht hat um gut ein Drittel meines Haares zu trocknen. Dickes Haar hin oder her - mir reichen gewöhnlich fünf. Er macht allerdings auch keine Anstalten, sich zu beeilen. Ich schaue energisch auf die Uhr und vergrößere meine Geste, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. "Noch zehn Minuten!" sage ich, während er meinen Kopf nach hinten zerrt. Er hat die Ruhe weg, nickt nur, föhnt weiter. Strähne für Strähne. "Ich muss meinen Zug bekommen!" Ich rutschte auf dem Stuhl umher und überlege, wie es aussieht mit halb geföhnten Haupthaar aus dem Salon zu stürmen. Ich starre penetranter auf die Uhr und er resigniert und erkennt meinen Zeitdruck an. Kurz darauf wird die Kollegin von einer Kundin abkommandiert und schließlich zerren beide energisch an meinem Haar und föhnen es voller Inbrunst. Ich darf erst aufstehen, als es perfekt liegt.

Außerdem ist das alles unschlagbar günstig gewesen. Ich habe 15 TL, umgerechnet also weniger als 7 Euro für meinen Schnitt bezahlt.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Meine Katze gibt es


Wieder ein Tag in der Schule vorbei und es ist beinahe erstaunlich, wie schnell meine Unterrichtsstunden vorbeigehen. Der Umgang mit den Kindern ist schleichend leichter geworden – parallel zu meinen wachsenden Türkischkenntnissen. Es scheint mehr Eindruck auf sie zu machen, wenn man sie in ihrer Muttersprache zurechtweist, als in Deutsch lautstark vor sich hin zu fluchen. Letzeres hat bei den Kindern lediglich ausgeprägte Lachanfälle zur Folge gehabt.
Heute hatte ich die Fünftklässler, namentlich 5B („Bäsch Bää“) und 5C („Bäsch Dschää“). Auch hier deutliche Fluktuation zu verzeichnen: In der ersten Stunde gab’s bei drei Schülern praktisch Einzelunterricht, in der zweiten tröpfelten nach und nach, mit bis zu 45 Minuten Verspätung, acht Schüler ein. Spaß macht der Unterricht auch, weil sie alt genug sind, dass ich ihnen grammatikalische Grundlagen beibringen kann. Ich versuche es zumindest. Mir ist nicht so recht klar, wie man mich eigentlich mit gutem Gewissen auf die Schüler loslassen kann. Das muss man sich mal überlegen: Ich kann kein Türkisch, was eine Kommunikation mit den Kindern deutlich erschwert. Mein Englisch ist auf relativ gutem Niveau – aber wie man es unterrichtet, davon habe ich keine Ahnung. Überhaupt habe ich noch nie wirklich Kinder unterrichtet, mein pädagogisches Grundwissen lässt sich also mit gutem Gewissen als rudimentär deklarieren. Meine Unterrichtsmethoden werden auch nicht überprüft, man lässt mich einfach mal machen (was genau ich eigentlich unterrichten soll hat mir im Übrigen auch keiner gesagt). Nur hin und wieder kommt mein Chef in die Klasse, um nach dem Rechten zu sehen. Er steht dann grinsend an der Wand und wenn ich den Raum verlasse um Kopien zu machen, dann streitet er sich bei der Rückkehr mit den Kinder, welcher Fußballverein der bessere wäre (er ist großer Beșiktaș-Fan und lässt keine Möglichkeit aus, das klarzustellen). Ein anderes Mal begrüßte mich bei meiner Rückkehr ein im Chor vorgetragenes „I love Werder Bremen“, das er ihnen in meiner Abwesenheit beigebracht hatte.
Auf dem Lehrplan stand heute: „I have got“ plus Verneinung und Fragestellung. Eine wirkliche Freude war es aber, die türkische Übersetzung an die Tafel zu kritzeln. Ich habe dabei gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, glücklich, die türkische Form zu kennen. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Schon mein Türkischbuch begrüßt mich mit den denkwürdigen Sätzen:
„Wir haben gute und schlechte Nachrichten für Sie. Die schlechte Nachricht sind alle damit verbunden, dass Türkisch einfach anders ist als westeuropäische Sprachen.“ Und mit anders treffen es die Autoren auch wirklich sehr gut. Immerhin finden sie eine versöhnliches Ende nach dieser Ankündigung: „Wenn sie sich erst einmal an die Tatsache gewöhnt haben, dass das Türkische anders funktioniert, ist es eine sehr regelmäßige und logische Sprache.“ Alles sehr richtig. Was das anders genau meint, ist schwer zu erklären, wenn man sich noch nie mit einer außereuropäischen Sprache beschäftigt hat. Der auffälligste Unterschied ist zum einen veränderte Satzstellung: Wenn ich das Gefühl habe, wie Meister Joda die Worte zu verdrehen, dann bin ich mit dem türkischen Sprachgefühl im Einklang. Der andere große Unterschied kommt in Form von Suffixen daher: Wo wir im Deutschen ein extra Wort einbauen, kleben die Türken einfach ein paar Buchstaben an das Wort ran. Fertig aus. Das muss man sich so vorstellen: Während das Englische „I have got…“ dem Deutschen „Ich habe…“ so verdächtig ähnlich sieht, dass man eine enge Verwandtschaft unterstellen könnte, funktioniert das ganze Haben und Nicht-haben im Türkischen nach einem ganz anderen Prinzip. Für das Verb „Haben“ gibt es keine genaue Übersetzung. Will man beispielsweise sagen „Ich habe eine Katze“, dann heißt „Benim kedim var“ (kedi = Katze), was so viel bedeutet wie „Meine Katze gibt es“. Anfangs habe ich das noch für banal einfach gehalten – bis ich dann auf das Phänomen der Vokalharmonie getroffen bin, über das ich mich hier nicht näher auslassen will. Lediglich so viel: Auch im türkischen wird dekliniert und jede Endung kann je nach Vokalharmonie bis zu vier verschieden Formen annehmen. Und wer jetzt vier mit sechs multipliziert, hat eine Ahnung, von meiner kleinen, alltäglichen Suffix-Hölle.
In der Praxis kann das Buchstabenkleben zu bizarren Buchstabenansammlungen führen: „Avusturyalılaştırttıramadıklarımızdandır“ beispielsweise ist ein Wort, für wir im Deutschen immerhin einen Satz mit 15 Wörtern brauchen würden. Er heißt so viel wie: „Er/Sie/Es gehört zu denjenigen, für die wir niemanden finden konnten, der/die sie 'österreichisieren' lassen konnte.“ Solche Wortgerüste machen wirklich große Freude, wenn man versucht, Türkisch als Fremdsprache zu lernen. Dünger für meine Motivation, wirklich.

Ein kurzer Nachtrag noch, über den Jungen vom Imbiss gegenüber. Ich habe Burak gefragt, ob er wüsste, ob der Junge zur Schule geht – oder nicht. Er meinte schon ja, aber die viele Arbeit im Imbiss fordern ihren Tribut: Er hat ausschließlich schlechte Noten.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Langschläfer

Ein bisschen verspätet, weil schon drei Monate hier und bis dato mit der Stadt alleingelassen, lese ich im Augenblick “Gebrauchsanweisung für Istanbul”, von Kai Strittmatter. Das Buch vereint treffende Beschreibungen der Stadt und seiner Bewohner mit interessanten Hintergrundinformationen – und ist zudem auch noch sehr unterhaltsam. Die Passage über das alltägliche Verkehrschaos ist so komisch (und zugleich so treffend), dass ich im Minibus lauthals loslachen musste – und mich alle Insassen verwirrt angestarrt haben. Menschen, die grundlos lachen (zumal weder mit Handy am Ohr, sondern lediglich mit der Nase im Buch), haben ja schon etwas Verschrobenes an sich…
Das Buch füttert mich nun also mit nützlichen Informationen und das ein ums andere Mal geht mit nach der Lektüre plötzlich ein Licht auf. Strittmatter belegt in einem Kapitel sehr anschaulich die Aversion der Türken gegenüber Stadtplänen und beschreibt dessen Orientierungssystem, das von Bezugspunkten abhängig ist (anstelle von „dritte Straße rechts“ besser: „hinter dem großen roten Haus einbiegen“). Und schwupps sehe ich meine Diskussion mit Istanbuler Taxifahrern in einem anderen Licht. Einem von ihnen hatte ich einmal eine Karte unter die Nase gehalten, dick rot eingekreist darauf: unser Ziel. Er hat sich trotzdem verfahren und der Karte keine Beachtung geschenkt. 
Taxifahrer, die den Weg nicht kennen, fahren denn trotzdem erst mal los und telefonieren während der Fahrt ihren Kollegen hinterher, bis einer den Weg erklären kann. Auch das ist nicht immer ein Garant dafür, dass man ankommt wo man hinwill. Kein Türke gibt freiwillig zu, den Weg nicht zu kennen. Es ist stattdessen üblich, den Fragenden in die ungefähre Richtung zu schicken. Man will ja schließlich helfen…

Über das Stadtteil, in dem ich arbeite, schreibt der Autor vor dem Hintergrund der extremen Diskrepanz zwischen arm und reich einige Sätze. Es sei eines der ärmsten Stadtteile Istanbuls steht dort. Fikirtepe heißt die Gegend und liegt auf der asiatischen Seite im Stadtgebiet von Kadıköy. Wie arm die Kinder hier tatsächlich sind, das fällt auf den ersten Blick nicht auf. Die Schule ist gut ausgestattet, mit neuesten Computern, einer stetig wachsenden Bücherei und auch ich schreibe im Unterricht auf einer modernen Multimedia-Tafel (die sich allerdings gegen mich verschworen zu haben scheint und ständig den Dienst verweigert). Doch dann sieht man sich die Kinder an, sieht alte Kleidung mit grob geflickten Löchern und Plastiktüten anstelle von Tornistern. Und die Mütter, die ich bisher kennengelernt habe, tragen ausnahmslos Kopftuch. Die Häuser rund um die Schule wirken nicht selten wie behelfsmäßige Verschläge, mehr schlecht als recht mit kaputten Dachziegeln gedeckt und ich kann nur erahnen, wie kalt der Winter der letzten Wochen in den schlecht isolierten Häusern gewesen sein muss.
Ein Junge fällt mir besonders auf, obwohl er keiner meiner Schüler ist. Unser Essen bringt ein kleiner Imbiss von gegenüber, der für wenig Lira ein Tagesgericht anbietet. Der Sohn des Inhabers bringt es herüber, trägt das Tablett mit Tellern und Besteck ins Lehrerzimmer und holt das dreckige Geschirr und das Geld später wieder ab. Er ist ein niedlicher, schüchterner Junge; immer mit geröteten Wangen, der leise grüßt, wenn er mich sieht. Von meinem Fenster aus, sehe ich ihn den ganzen Tag über den Platz vor unser Schule laufen; sehe wie er Çay und Essen ausliefert und ich frage mich: Geht dieser Junge überhaupt zur Schule? Oder muss er den ganzen Tag im Imbiss seines Vaters arbeiten?

Die Türken sind übrigens ein Volk von Langschläfern, sagt Strittmatter. Rush Hour ist hier nicht in den frühen Morgenstunden, wie etwa in Deutschland. Das größte Stauaufkommen ist etwa zwischen neun und zehn Uhr – und das sagt schon einiges über die Aufstehgewohnheiten der Istanbuler aus. Wenn gegen halb zehn meine Kollegen auf der Arbeit eintreffen, dann wird erst einmal in Ruhe gefrühstückt – selbst wenn die Schüler mal eben zehn Minuten auf den Unterricht warten müssen. Und jetzt wo die Ferien vorbei sind und die Klassen leerer als vor den freien Tagen, liefert das ausgeprägte Schlafbedürfnis auch gleich die Erklärung für die hohe Fluktuation. Mein Kollege Burak meinte: „Ich glaube, die Kinder haben in der freien Zeit Gefallen am lange Schlafen gefunden. Jetzt schaffen sie es nicht mehr, früh aufzustehen.“ Das war allerdings kein Scherz von ihm, sondern ein ernstgemeinter Verdacht. In der Vergangenheit kam bereits eine Mutter auf ihn zu und meinte, ihr Kind würde nicht mehr kommen – es würde jetzt lieber lange schlafen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Der Weg ist das Ziel

Straßenzug in Sariyer
Mit leiser Schadenfreude habe ich mir die Fotogalerien über den Kälteinbruch in Europa angesehen. Festgefrorene Autos, meterhohe Schneeberge - und zweistellige Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Unerwartet erweist sich das Überwintern in Istanbul als verdammt guter Einfall. Die Kälte der letzten Woche ist vergessen, seit letzten Freitag zeigt das Thermometer frühlingshafte Temperaturen. Samstag waren es gut 12 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Einer Eingebung folgend (oder vielleicht lässt sich an dieser Stelle auch von einer spontanen, undurchdachten Schnapsidee sprechen), haben wir am Samstag beschlossen, mit Bussen irgendwie ans Schwarze Meer zu fahren. Irgendwie. Wir kannten die ungefähre Richtung und hatten einige Namen notiert. Wirklich anzukommen war allerdings zweitrangig. Unser Mantra lautete: Der Weg ist das Ziel. 
Mit Metro und Minibus fuhren wir zunächst gen Norden, in den nördlichsten Stadtteil Istanbuls: Sariyer. Direkt am Bosporus entlang, wo kleine Fischerboote in den Wellen des Flusses schaukelten. Sariyer scheint kein Teil von Istanbul mehr zu sein. Beinahe niedlich, kleinstädlich erscheinen die Straßenzüge. Der Eindruck der beruhigten Kleinstadt täuschte - wie uns ein Deutschtürke an der Bushaltestelle bestätigte: Der rasante Bevölkerungsanstieg hat auch vor den Außenbezirken nicht halt gemacht. Die Zahlen sprechen für sich: Noch 1950 lebten rund 1 Million Menschen in Istanbul, 2010 waren es an die 13 Millionen - und das sind nur die offiziellen Zahlen. Je nach Schätzung werden die Einwohner Istanbuls mit bis zu 20 Millionen Menschen angegeben. Aus dem dörflichen Sariye wurde ein belebter, bevölkerungsreicher Stadtteil. Und in der Rush Hour ist die Hauptstraße ebenso verstopft wie im restlichen Istanbul: es gibt kein Durchkommen mehr.


Wir stiegen dort in den ersten Bus, der bis ans Meer fahren sollte. Mit irrsinniger Geschwindigkeit heizte der Gelenkbus über die Landstraße - um uns dann scheinbar im Nirgendwo auszuspuken. Kein Meer, kein schwarzes. Nur eine ruckelige Dorfstraße und ein Bakkal, das türkische Gegenstück zum Tante-Emma-Laden. Dann ein Hoffnungsschimmer: Ein Schild, das zu einem Beach Restaurant weist. Ohne Meterangabe allerdings. Doch am Horizont, zwischen den Bäumen können wir schließlich ein Schiff ausmachen, scheinbar Kilometer entfernt. Wir folgten dem Schild, eine Landstraße hinunter, die sich endlos schlängelte. Der Weg ist das Ziel. Aber der Weg war eine Landstraße im Nirgendwo mit einem Schiff am Horizont.
Dann ein Musterbeispiel für die türkische Hilfsbereitschaft: Ein Türke hielt am Straßenrand und sammelt uns drei bkeloppte Deutsche ein, die scheinbar ziellos die Straße hinab trotteten. Wir sagen ihm, dass wir zum Meer wollten und stellten und auf eine längere Fahrt ein. Doch dann, vielleicht einen Kilometer weiter hielt er für uns. Wir konnten es erst kaum sehen, weil es sich hinter einem Fischrestaurant versteckt hielt: das Schwarze Meer. Vor uns erstreckte sich nun eine kilffgesäumte Bucht, samt Badestrand. Nur einen kurzen Aufstieg später standen wir am Rand der Klippe und bestaunten das Schwarze Meer, das sich vor uns erstreckte. Am Horizont eine Ansammlung Containerschiffe, die darauf warteten, in den Boporus einfahren zu dürfen. Unter uns das Meer, das gegen die Klippen brandete. Über uns der wolkenlose Himmel; der Horizont nun sanft gefärbt, von der nahenden Dämmerung kündend. Als Blickfang ein großer Mond über dem Kliff auf der gegenüberliegenden Seite. Ein atemberaubender Anblick.
Wie kann der Weg das Ziel sein - wenn das Ziel einem so die Sprache verschlägt?

Das Mädchen und die Schlange

Mein liebstes Istanbuler Wahrezeichen ist nicht die pompöse Hagia Sofia, jenes wunderschöne, aber gigantische Gebäude in Sultanahmet, das im Laufe seines Bestehens erst Kirche, dann Moschee war (je nach Wunsch des jeweiligen Herrschers) und heute als Museum jährlich seinen Besuchern eine einmalige Symbiose beider Religionen darbietet. Auch nicht die Blaue Moschee, die eigentlich nicht besonders blau ist, sondern vielmehr rot. Beide Gebäude sind wunderschön anzusehen, liegen direkt nebeneinander im Touristenviertel Sultanahmet und sind besonders nachts, wunderschön beleuchtet, ein absoluter Blickfang. Mein liebstes Istanbuler Wahrzeichen sind auch nicht die Bazare, auch wenn man bei Istanbul beinahe unwillkürlich das Bild exotischer Gewürzbasare und das reiche Angebot von aufwändigen Stoffen, Tüchern, bemalten Schalen und bunten Glaslampen vor Augen hat. 

Ich liebe den Kiz Kulesi, den Mädchenturm (in Europa wird er Leanderturm genannt). Er ist weniger pompös, beinahe unscheinbar: Ein kleiner Turm im Bosporus, nahe dem asiatischen Stadtteil Üsküdar. Im Laufe der Zeit hatte er verschiedene Funktionen, wurde als Leuchtturm, Quarantänestation, Zollhaus, Gefängnis und Alterssitz für Seeoffiziere genutzt. Heute lässt sich in seinem Erdgeschoss ein schmuckes Restaurant und in seiner runden Kuppel ein Café finden - in dem für türkische Verhätlnisse durchaus anständiger Kaffee serviert wird (!).







Mädchenturm wird er aufgrund einer Legende genannt: Einem König wurde einst gewahrsagt, seine geliebte Tochter würde vergiftet werden und sterben. Um ihren Tod zu verhindern, sperrte er sie in den Turm. Eines Tages wurde der Königstochter ein Korb mit Obst gebracht, in dem sich eine Schlange verbarg. Die Schlange biss das Mädchen - und diese starb. Zugegeben: Die Geschichte ist schnell erzählt und die Gebrüder Grimm haben definitiv ein besseres Gespür für einen ausgefeilten Spannungsbogen bewiesen. Aber auch die Geschichte hinter dem zweiten Namen, dem in Europa geläufigen "Leanderturm", kann nicht unbedingt mit dramaturigischem Genie aufwarten. Immerhin kommt aber etwas dramatischer daher: Die Sage geht auf eine antiken Überlieferung zurück, nach der Leander jede Nacht den Fluss durchschwamm, um zu seiner geliebten Hero zu gelangen. Als eines Nachts die Fackel, die ihm den Weg zeigen sollte, erlosch, verlor Leander die Orientierung und ertrank in den Fluten. Als Hero ihren toten Geliebten am Ufer fand, warf sie sich ebenfalls in den Fluss.


Nachdem ich den kleinen Turm nun drei Monate aus der Ferne bewunderte, habe ich endlich die Zeit gefunden, ihn zu besichtigen. Ich kann nicht einmal genau sagen, weshalb er mich so fasziniert. Er ist hübsch anzusehen, kann mit Istanbuls eindrucksvollen historischen Gebäuden in Punkto architektonischer Raffinesse aber nicht konkurrieren. Doch wie er so ruhig daliegt, zwischen den Kontinenten, im Wasser des Bosporus, der Lebensader der Riesenstadt, strahlt er auf mich eine undefinierbare Anziehung aus. Insbesondere nachts, wenn er beleuchtet wird und sich in seinem Rücken die schier unendliche Stadt als ein Teppich funkelnder Lichter über die Berge legt, mit dem schwarzen Band des Bosporus zu seinen Füßen.