Dienstag, 28. Februar 2012

Dem Morgen entgegen

Ein guter Freund fragte mich kurz nachdem ich in Istanbul angekommen war, wie das mit dem Feiern in der Türkei denn sei. Ob Frauen auch allein weggehen könnten? Und welche Kleiderordnung gelte? Kopftuch sei wohl nicht nötig, aber doch wohl keine kurze Röcke?

Im Eski Beyrut (Altes Beyrut)
Rückblickend waren diese Fragen so verwunderlich nicht. Istanbul ist Türkei - und auch wieder nicht. Auf der Istiklal Caddesi (die Unabhängigkeitsstraße), der großen Einkaufsstraße im Herzen Taksims ist das Leben modern, schnell, jung und bunt. Die Geschäfte sind von jenen in deutschen Innenstädten nicht zu unterscheiden - sie sind nur viel länger geöffnet: An den Wochenenden bis nach zehn Uhr, auch den Sonntagen (im Koran ist der Sonntag kein religiöser, arbeitsfreier Tag). 
Auch das Nachtleben rund um die Istiklal ist aufregend. In den Seitenstraßen lassen sich hunderte Bars, Tanzbars und Clubs finden.
Auf einer Kneipentour allerdings wurden wir von zwei verweifelten deutschen Touris gefragt, wo man denn bloß hingehen könne. Es ist ein Paradoxum: Weggehen auf der Istiklal ist einfach und schwierig zugleich. Auswahl ist reichlich vorhanden. In einigen Straßen kleben gleich aussehende Bars aneinander, mit identischen EFES-Reklameleuchten (EFES ist das türkische Standartbier; ist auch nicht schwer: Es gibt nur zwei türkische Biere überhaupt. Der Rest ist importiert) und Einrichtungen. Die Barszene ist bunt und vielfältig, doch nach den interessanten Bars muss man suchen. Häufig gilt: Wer noch nie da war, der findet sie nicht (und manchmal auch nicht, wenn man schon da war). Da versteckt sich hinter einem gewöhnlichen Hauseingang schon einmal eine fünfstöckige Bar, wobei das oberste Stockwerk mit einer Terasse und einem Ausblick über Taksims Nachtbeleuchtung aufwartet. Aber wie gesagt: Man muss sie wiederfinden können, denn das Straßennetz rund um die Istiklal ist weitläufig wie ein Labyrinth. Hin und wieder ziehen die guten Läden plötzlich um, geben sich einen neuen Namen oder schließen von einem Tag auf den anderen. 
Tristesse kommt bei dieser Auswahl nicht auf: Wird eine Bar langweilig, zieht man einfach weiter - der nächste gute Club ist nie weit entfernt. Und obwohl in vielen Clubs schon morgens um vier Uhr das Licht angeht, lässt sich immer ein anderer finden, in dem man dem Morgen entgegen tanzen kann.
Übermäßg günstig sind die Partynächte auf der Istiklal indes nicht. Denn während viele Dinge in Istanbul sehr günstig sind (Kleidung und auswärts essen beispielsweise), ist Alkohol dank hoher Besteuerung vergleichsweise teuer. Eine große Dose EFES kostet im Supermarkt etwa 3,60 TL - also umgerechnet 1,50 €. In der Bar bezahlt man zwischen 5 und 10 Lira (2 und 4 Euro) und damit nicht mehr als in Deutschland auch. Spiritousen können hingegen ziemlich ins Geld gehen: Eine Flasche Tequila kostet um die 60 LT - 25 Euro und auch in den Bars entpsrechend viel. Die Auswahl ist hingegen gering: Einige Spiritousen, wie Amaretto bekommt man gar nicht und die Weinauswahl ist schlecht - wie meine französischen Freunde immer wieder bemängeln. 
Wer nun glaubt, in den Clubs und Tanzkneipen würde es spießig, züchtig, lagweilig zugehen - der irrt schlichtweg. In punkto Partyfreude sind die jungen Türken rund um die Istiklal gut unterwegs. Getanzt wird wild, bis in den Morgen. Die Röcke sind kurz und die Stimmung gut. Nur Rumknutschen und Fummeln ist nicht besonders gern gesehen - da mahnt auch mal der Türsteher zur Ordnung.

Eine kurze Auswahl guter Tanzbars:
- Eski Beyrut, eine kleine Tanzbar mit einer guten Musikmischung, die allerdings immer gleich ist. Am Wochenende ist es immer gerammelt voll, die Stimmung ist gut und die Menschen tanzfreudig
- Das Beat ist eine Bar auf zwei Etagen: Oben elektronische Musik und unten eine gute Tanzmischung, viel internationale Musik, häufig mit Peter Fox und Jan Delay im Repertoire. Bier und Tequila gibts am Wochenende für grade mal 5 TL. Größtes Manko: Es gibt keine Garderobe, weshalb mein geliebter schwarzer Wintermantel beim letzten Besuch in Taksims ewigen Jagdgründen verschwand. Ich hoffe er wird glücklich, wo immer er jetzt ist...
- Das Maschine, ist ein stylischer Elektro-Club. Die DJs legen in einem großen Käfig auf und selbst ein Elektro-Muffel wie ich wird von der Stimmung angesteckt.
- Im Pupa wurden in letzter Zeit einige sehr gute Erasmus-Partys gefeiert. Von der Stimmung ähnlich wie das Eski Beyrut, nur ist die Musik etwas besser
- Das Araf ist eine gute Tanzbar und weil im fünften Stock gelegen außerdem mit einem Ausblick über Taksim

Schuhstylist

Der Schuster in Fikirtepe und ich, wir sind jetzt Freunde. Er hat geschickt sichergestellt, dass ich wiederkommen muss, indem er das Schuhband meines Stiefels bei sich behalten hat. Wohlgemerkt: Nur eines. Cinderella lässt grüßen. Es hat auch nicht gereicht, mir es bei meinem nächsten Besuch wiederzugeben: ich musste mich setzen, meine Stiefel ausziehen und zusehen, wie er sie fachmännisch säubert und eincremt. Wiederrede wurde nicht geduldet und mit einem schlichten "Setz dich" kommentiert.
Jetzt glänzen meine Stiefel und sehen aus, wie neu gekauft. Ich soll nächste Woche wiederkommen, ihn besuchen und meine Schuhe pflegen lassen. Habe jetzt einen persönlichen Schuhstylisten. Weiß nicht, wie ich jemals ohne einen ausgekommen bin.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Auf die Hand

An dieser Stelle nun eine kleine Aufzählung von türkischem Fast Food. Während meines Sprachkurses habe ich habe ich häufig außerhalb gegessen und da trifft es sich gut, dass es gibt eine ganze Reihe von Gerichten gibt, die man auf die Hand bekommt, wie bei uns Fischbrötchen oder Currywurst mit Pommes. 

Zum einen natürlich der Simit, der lecker knusprige Sesamkringel, der an jeder Ecke von einem Simitci, einem Simitverkäufer, aus einem kleinen Standwagen heraus verkauft wird. Bei jeder Witterung stehen sie an den Straßen und verkaufen die Simit an die Laufkundschaft. Der perfekte Imbiss ist der sowieso: Man braucht keine Butter, keinen Käse – der Simit schmeckt auch trocken (wobei mit weißem Käse belegt noch eine Ecke besser). Der Simit hat übrigens einen Einheitspreis von 1 Lira.

Für wenig Geld bekommt man außerdem einen Hähnchen Döner. 2 bis 3 Lira (80 Cent bis 1,30 Euro) kostet der und hat mit dem Döner Kepab, wie er in Deutschland verkauft wird wenig gemeinsam. In der Türkei wird als Tavuk Döner (Hähnchen Döner) ein aufgeschnittenes Brötchen bezeichnet, in das Hähnchen Kepab, Tomaten, manchmal auch etwas Salat und Pommes gestopft werden. Soße gibt es dazu nicht. Schmecken tut’s trotzdem.
Das ganze gibt es auch gerollt, nennt sich dann Tavuk Durüm. Dabei wird das Fleisch mit etwas mehr Salat in einen dünnen Teigfladen gewickelt. Schmeckt perfekt vor und nach einer durchgemachten Nacht in Taksim.

Auch gut bei leerem Magen nach langem Tanzen ist der türkische Reis, Pilav genannt, der an Straßenständen zusammen mit knusprigem Hühnchenfleisch verkauft wird. Wem das zu trocken ist, der kippt noch ein bisschen Ketchup drüber. Passt perfekt.

In Taksim stehen außerdem überall Miesmuschelverkäufer, die die rohen Muscheln zusammen mit Zitronensaft verkaufen. Nachdem aber mehr als einer meiner Freunde nach dem Verzehr Tage und Nächte auf und über der Toilettenschüssel verbracht hat, halte ich mich von den Dingern fern.

Eine weitere Taksim Spezialität sind Islak Burger – „Feuchte Burger“. Sie schmecken wie extrem gute Hamburger, triefen allerdings und sehen auch recht merkwürdig aus. Ich habe keine Ahnung warum und konnte ihr Geheimnis bisher nicht ergründen. Lecker sind sie aber auf jeden Fall.

Ciğ-Köfte liegt in Form von großen Berge im Schaufenster der Ciğ-Köfte-Imbisse und ich habe mich lange gefragt, worum es sich dabei handelt. Hätte man es mir vorher erzählt - ich hätte es wohl nicht probiert. Es handelt sich um rohes Lammfleisch mit Gries und einer Gewürzmischung, die lange geknetet wird und zu großen Bergen geformt wird. Ein Klumpen Ciğ-Köfte wird dann zusammen mit Salat, Petersilie, Zitronensaft, Tomaten und Granatapfelsirup auf einen Teigfladen gedrückt und anschließend zusammengerollt. Fertig ist der Ciğ-Köfte Dürüm. Seit ich ihn probiert habe, komme ich nicht mehr davon los.

Ungeniert kombinieren

Frühstück in der Türkei heißt "Kahvaltı" und sieht in der Türkei fast immer gleich aus. Unveränderliche Bestandteile sind: Oliven, Tomaten und Gurken, weißer Käse (Feta), ein gelber Käse (der für deutsche Zungen ein bisschen fad ist), Marmelade und natürlich Cay. Dazu gibt es reichlich Brot. Überhaupt ist das Brot der wichtigste Bestandteil der türkischen Küche und kommt bei jeder Mahlzeit auf den Tisch. Es wird nebenher gegessen und zwar zu Allem. Folgende Kombinationen sind auf türkischen Mittagstischen nicht ungewöhnlich:
-   Spaghetti mit einer Soße aus Ketchup und Joghurt (was sich als unerwartet lecker erwies) dazu:  Brot
-          Geschnetzeltes mit Reis, dazu: Brot
-          Fleisch mit Reis, mit Pommes, und - ja auch dazu: Brot
Kohlenhydrate werden ganz ungeniert kombiniert. Da kennen die Türken nichts. Kartoffel gelten allerdings auch nur als ein Gemüse unter vielen und haben nicht den Stellenwert in der Ernährung, den sie in Deutschland innehaben. Mein Gastbruder wollte mir kaum glauben, dass Deutsche beinahe jeden Tag Kartoffeln essen. Und ich habe es ihm erspart, die unzähligen Kartoffelkombinationen aufzuzählen, die mir spontan in den Sinn kamen (aus dem Stehgreif: Kartoffelpuffer, Kartoffelbrei, Bratkartoffeln, Pellkartoffeln, Ofenkartoffeln, gekocht, als Brot, als Suppe - was Kartoffeln angeht, beweist die deutsche Küche Erfindergeist. Und hierzulande ist das meiste - oh Schande - vollkommen unbekannt). Anstelle der Kartoffeln isst man hier eben: Brot.
Von einer Brotvielfalt lässt sich indes nicht sprechen: Es ist eigentlich immer der Urtyp des Brotes, der zum Essen gereicht wird: Ein großer Laib Weißbrot, außen knusprig, innen fluffig weich und in jedem Laden für wenig Geld zu haben. Ein Laib kostet 1 Lira, umgerechnet also etwas mehr als 40 Cent. Der wird dann aber nicht nach deutscher Sitte dick mit Butter bestrichen (überhaupt, die treffliche Geschmackssymbiose von Butter, Brot und Käse ist hierzulande unbekannt) und dann mit Aufschnitt belegt. Stattdessen wird das Brot in kleine Stücke gerissen und mit der einen Hand gehalten, während die andere Hand sich Käse in den Mund stopft. Oder aber das Brot wird erst in mundgerechte Häppchen zerteilt und dann bestrichen. In jedem Fall aber hat das mustergültige deutsche Butterbrot hier keinen Einzug gehalten. Das ist auch der Grund weshalb man für das Frühstück nicht zwangsläufig Teller bemühen muss. Sattdessen wird fröhlich der Tisch bekrümmelt, hinterher wieder entkrümmelt, sauber gewischt – fertig. Ob es sich dabei aber wirklich um eine türkische Sitte handelt, konnte ich nicht rausfinden. Methap sagte mir, der Verzicht auf Teller sei eher dadurch begründet, dass in der Schule nicht genügend vorhanden seien. Und als ich ihr erzählte, dass auch Feyyaz keine benutze, zuckte sie mit den Schultern und meinte: „Naja, das ist ja auch ein Student.“ Aha. Werde in meiner WG in Bremen mal anregen, die Teller abzuschaffen. Mal sehen, ob das auf Gegenliebe stößt...

Wohl bekomm's

In nicht mal einer Woche lebe ich seit vier Monaten in der Türkei. Noch immer habe ich kein Heimweh, nur ein wenig Sehnsucht nach dem Sommer in Bremen, lauen Abenden am Werdersee und meinen Freunden daheim. Ich freue mich darauf, mich nach einem halben Jahr Pause endlich wieder auf mein Fahrrad setzten zu können. Meine erste Amtshandlung wird es sein, auf dem Rad die Stadt abzufahren und Bremen zu sagen: Ich bin wieder da. Je nach Laune und Alkoholpegel werde ich das nur denken – oder laut herausschreien.

In meinem Kopf gibt es eine Liste mit Dingen, die ich vermisse: 
- Fahrradfahren und durch den grünen, blühenden Bürgerpark laufen
- Schwarzbrot und Brötchen; reifen Goudakäse; Salat mit Dressing
- Leckeren Kaffee in einem schönen Café trinken
- Mit Menschen kommunizieren ohne mir einen abzubrechen
- Zeitunglesen am Frühstückstisch
- Meine Universität und mein Studium
und natürlich eine ganze Reihe Menschen daheim in Deutschland. Doch von Sehnsucht zu sprechen ist zu viel gesagt. Vielmehr erfüllt mich eine leise Vorfreude auf die Heimkehr. Wohlwissend, dass ich spätestens am Tag nach meiner Rückkehr einen türkischen Supermarkt stürmen werde.
Aber der Rückflug ist gebucht: Am 28. April werde ich gen Heimat fliegen. Alles zusammen sind das 40 Tage länger als ursprünglich geplant. Aus 140 werden 180 Tage. Ich hab nur keine Ahnung, wie ich den Blognamen ändern kann…

Nach beinahe vier Monaten mehr oder weniger regelmäßigem Bloggens ist mir aufgefallen, dass ich einige sehr wichtige Bereiche vollkommen ausgespart habe. Bisher habe ich kaum etwas über die türkische Küche geschrieben – bis auf den Hang der Türken, mich zu mästen – und das obwohl mir das Entdecken neuen türkischen Essens nach wie vor große Freude bereitet.
Ich werde also einiges über meine Erfahrungen mit der tagtäglichen Nahrungsaufnahme berichten – allerdings ohne Hang zur Vollständigkeit. Auch weil ich nicht alles probieren werde: Allein der Geruch von Kokoreç (klein geschnittene Lammdärme, die spulenartig aufgdreht und gegrillt werden) hat dafür gesorgt, dass sich mir der Magen umdreht. Also keine Geschmacksbeschreibung dieser türkischen Spezialität an dieser Stelle.

“Afiyet olsun” lässt sich mit “Guten Appetit” übersetzten oder besser noch mit “Wohl bekomm‘s”, denn man sagt es wahlweise vor dem Essen, wenn man den Tisch verlasst oder wenn man an jemandem vorbeigeht, der gerade isst. Und mit dem freundlichen Wunsch gehen die Türken nicht unbedingt sparsam um: Selbst wenn ich mir nur einen Kaugummi in den Mund schiebe, fällt ein „Wohl bekomm‘s“.
 Wenn der Koch beim Essen anwesend ist, dann kann man ihm mit den Worten „Elin sağlık“ für die Zubereitung des Essens danken. Übersetzt heißt es in etwa „Gesundheit deinen Händen“ und gewöhnlich reagiert der Koch, in dem er einen „Guten Appetit“ wünscht. Ganz nach dem Motto: Nicht lange mit dem Danken aufhalten, sondern nach türkischer Sitte lieber kräftig reinhauen. Denn dass die Türken gerne Essen und ein guter Gast nur ein wohlgefutterter Gast ist, das habe ich ja schon ein ums andere Mal erwähnt. Glücklicherweise haben die Anstrengungen meiner türkischen Familie und Kollegen, mich zu mästen, abgenommen – was meine Kollegin Methap aber nicht davon abhält, mir immer ein zweites Frühstück aufdrücken zu wollen.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Schwein gehabt

Meine Schuhe leben. Sie habe die Tortur durch den türkischen Schuster überlebt. Lassen sich gut tragen, quietschen nur beim Laufen, als würde ich auf kleinen Badeenten herumtreten...

Heute bekam ich einen unverhofften Einblick in die türkische Kultur, als sich ein augenscheinlich harmloses Tierratespiel unverhofft in eine religiöse Grundsatzdebatte verwandelte. Schauplatz: Der Klassenraum; Unterricht mit der 5B. Ich habe den Kindern Ausschnitte von Tieren gezeigt und sie mussten raten, um welche Tiere es sich handelt und wie diese auf Englisch heißen. Mit leiser Freude habe ich eine haarige Spinne und eine glitschige Schlange unter die Bilder gemischt. Doch keine Reaktion bei den Kindern, kein Entsetzen bei den Mädchen. Nur bei dem Mausebild quietsche leise ein Mädchen in der ersten Reihe. Dann aber klickte ich weiter auf das süße Schweinfoto rechts im Bild. Große schwarze Augen; zwei riesige Ohren, die aussehen, als könnte es damit mit genügend Schwung ein Stück weit fliegen. Dazu eine rosarote Stupsnase. Es gab definitiv weniger niedlich aussehende Tiere in meiner Zusammenstellung. 
Für mich völlig unerwartet breitete sich sofort ein Raunen aus im Raum, Mädchen schlugen sich ihre Hefter vor die Augen, kreischten, machten Würgelaute, einige schmissen sich auf den Boden. Die Geräuschkulisse dazu bot eine Palette von "Iiiii" über "Bääääh" bis hin zu "Aaaah". Ich war ehrlich verdutzt, bis mich ein Mädchen in der ersten Reihe aufklärte: "Schweine sind dreckig!" und "Schweine sind ekelig!"
Ich versuchte dagegen zu halten: "Aber dieses Schwein ist doch süß."
Sie schüttelte energisch den Kopf und beharrte darauf, dass Schweine ekelige, dreckige Tier seien.
Dann kam einem anderen Mädchen eine wahnwitzige Idee. Sie fragte mich, ob ich schon einmal Schweinefleisch gegessen hätte. Ich antwortete ehrlich: Ist tatsächlich schon mal vorgekommen. Nicht eben verwunderlich, wenn man aus einem Land kommt, in dem der durschnittliche Jahresverzehr pro Kopf bei 56 Kilo liegt. 
Die Reaktion war unglaublich. Die Kinder haben sich nicht mehr einbekommen, haben gekreischt und gewürgt, mich gefragt, ob ich nicht doch nur einen Witz machen würde. Unvermittelt fragte mich eines der Mädchen, welche Religion ich denn hätte. Was? Christin ist unsere Lehrerin? Sie tat so, als würde sie den Raum verlassen wollen, nur aus Spaß, aber ich fürchte zur Hälfte meinte sie es sehr ernst. Sie beruhigte sich erst wieder ein bisschen, als ich betonte, dass ich nicht in die Kirche gehen würde. Als dann plötzlich der Ruf des Muezzins durch das Fenster hereinschallte, lauschten alle Kinder andächtig.
Das gleiche Spiel wiederholte sich so ähnlich in der Stunde danach. Auch in der 5C: Kreischende, würgende Kinder.

Ich weiß natürlich, dass Muslime kein Schweinfleisch essen und auch mit der Begründung, dass die Tier als unrein gelten. Es hat mich aber schon überrascht, dass die Kinder beim Anblick eines niedlichen Schweinchen Babe in Kreischchöre ausbrechen. Mein Kollege Burak musste lachen, als ich ihm davon erzählt habe. Aber er hat auch bestätigt: Die Kinder in meiner Schule stammen aus (armen) traditionellen, religiösen Familien. Das Schweinefleisch-Verbot dürfte auf einer Ebene mit unser Abneigung gegenüber Hundefleisch stehen.

Mein vierjähriger Gastbruder ist übrigens anderer Meinung. Er findet das Foto von dem Schweinchen sehr niedlich - "Cok tatli"

Mittwoch, 15. Februar 2012

Ominöse Geschäftspraktiken

Eine neue Episode aus der Reihe: Ich brauche eine Dienstleistung, kann kein Türkisch und versuche dem Menschen gegenüber mit Händen und Füßen und einem unverständlichen Türkischmatsch zu erklären, was ich eigentlich will. 
Heute: Xenia beim Schuster.
Ich habe heute meine geliebten Lederstiefel zum Absatzwechsel in die Werkstatt gebracht. 

Die Szenerie muss man sich wie folgt vorstellen: Winzige Ein-Raum Werkstatt, keine zehn Quadratmeter. In der Ecke ein rauschender Fernseher; Programm: Seifenoper (zu sehen ist natürlich eine heulende Frau). Auf dem Boden zerfetztes Linoleum mit Holzprint. Als ich reinkomme, sitzt eine Frau auf dem Stuhl vor dem, was wohl eine Theke sein soll und diskutiert mit dem Schuster. Er: Mitte Vierzig, Halbglatze, wohlgenährt, qualmende Zigarette im Mund, die alles um ihn herum vollascht und den Raum in dicken Qual hüllt. Er hantiert mit glänzenden Abendschuhen, sie lamentiert über den Preis. Dann darüber, dass er kein Telefon besitzt und Vorkasse verlangt. Sie ist ganz außer sich und versucht sich mit mir zu verbrüdern, diskutiert jetzt mit mir und ich nicke verständnisvoll. Als sie geht, ist ihr nicht aufgefallen, dass ich nur einen Bruchsteil ihrer Entrüstung verstanden habe. 
Jetzt ist es an mir, ihm zu erklären, was ich will und das geht merkwürdig schnell und leicht. Absätze neu, wird gemacht. Dann allerdings hantiert es mit dem Schraubenzieher an der Sohle meiner Lieblingsschuhe – ein Anblick, von dem ich seit heute weiß, dass ich ihn nicht gut ertragen kann. Ich höre schon die Absätze abreißen. Klingt in meinen Ohren wie Fingernägel auf einer Tafel. Genauso wenig mag ich es, dass er mit einem roten Kulli den Arbeitsauftrag auf die Schuhsohle kritzelt. Genau das tut er aber. Über mein Entsetzten kann er nur lachen. Bevor ich die Schuhe aus der Hand gebe, sage ich ihm zehn Mal, dass es sich um meine Lieblingsschuhe handelt und er vorsichtig sein soll. Er lacht. Auch von mir verlangt er Vorkasse und meinen Namen schreibt er sich erst auf, als ich es ausdrücklich verlange. Ominöse Geschäftspraktiken sind das. Bin gespannt, ob ich meine Stiefel zurückbekomme. Und wenn ja: Wie

Mein Kampf

Ich habe ja schon einmal erwähnt, dass die Multimedia-Tafel in meinem Klassenraum gegen mich ist. Wahrscheinlich ist das kein spezieller Hass gegen die Aushilfslehrerin aus Deutschland, die in den ersten Wochen wie eine Irre auf der Oberfläche herum gehämmert hat und ständig den Stift fallen lässt. Wahrscheinlicher ist, sie hasst Benutzer generell; Lehrer dieser Schule im Speziellen. Aber das wusste bisher ja keiner außer mir. Bisher galt: Einer gegen einen; ich gegen die Tafel - eine Horde unruhiger Schüler im Nacken.

Heute dann hat sie den Geist aufgegeben, hat den Dienst verweigert und ihr verwegener Komplize, ein schwarzer Standcomputer Modell XP, gleich mit. Immerhin war das Mitgefühl meiner Kollegin Mehtap auf meiner Seite, die gestern gezwungen war, an meiner Tafel zu schreiben. Herrlich, wie sie mir in wilder Zeichensprache zu erklären versucht hat, welche Macken das Gerät bei der Bedienung aufweist. Wusste ich allerdings schon längst. Habe Abwehrstrategien entwickelt, die ich aber nicht an sie weitergegeben habe. Das ist mein Kampf!
Heute dann aber verschärfte Bedingungen: Ausgerechnet in der gefährlichen zweiten Unterrichtshälfte (siehe Aufmerksamkeitsspanne bei Drittklässlern) quittierte die Tafel den Dienst. Hinter mir zwölf hibbelige Kinder, fünf hielt es kaum auf ihren Stühlen. 
Mein Unterrichtsmaterial: Auf dem Rechner. 
Übrige Zeit, die zu überbrücken war: 30 Minuten.
Übersetzer, der Spiele erklären könnte: Außer Haus.
Willkommen in meinem Alltag.
Vor drei Wochen war eine Gruppe amerikanischer Referendare in der Schule und hat die Kinder in Englisch unterrichtet. Hıdır war dabei, hat übersetzt und unterstützt. Nebenbei hat mich eine der jungen Frauen gefragt, wie denn mein Unterricht gewöhnlich aussehen würde. Ich werde ihr unglaubwürdiges Gesicht nicht vergessen, als ich ihr erzählt habe, dass ich weder Englisch, noch Lehramt studiere, kein Türkisch spreche und auch keinen Übersetzer habe. Und das bei diesen Kindern! Ihr Fazit: „You are brave“ – „Du bist mutig.“

Nervenkitzel

Habe mich auf das ultimative Abenteuer eingelassen. Purer Nervenkitzel. Herzklopfen inklusive. Ein Friseurbesuch in Istanbul!
Meine grundlegenden Sprachkenntnisse griffen hier nicht - wer lernt schon "Stufen schneiden, aber nicht zu kurz"  im Grundkurs? Eben. Erklären musste ich meine Wunschvorstellungen mit den Händen.

Folgende Szenerie: Ich forme mit dem Mittel- und Zeigefinger eine Schere und mache an der richtigen Stelle (nur die Haarspitzen) Schnipp-Schnapp. Deute dann auf das restliche Haar und mache eine wegwerfende Handbewegung: Hier nicht. Stufen sollen rauswachsen! 
Ich: Schüttel energisch den Kopf um das Nein zu untersreichen. 
Der Friseur nickt verständnisvoll. 
Ich: Wieder Schnittbewegungen an den Spitzen.
Er nickt wieder.
Wir sind uns einig.
Was folgt ist eine lebhafte Zeichendiskussion, ob ich mir vorher die Haare waschen lassen muss oder nicht. Ich mache ein wichtiges Gesicht, deute auf die Uhr und sage: "Ich habe nur dreißig Minuten." Mein Friseur reagiert mit der typischen Erwiderungsgeste all jener, die mehr als genug Zeit haben: "Kein Problem. Schaffen wir."
Das Waschen ist schnell erledigt, doch nach dem ersten Schnitt hält er mir erwartungsvoll meine Haarspitzen unter die Nase und wartet auf meine Zustimmung. So ok? Ich nicke - wenn nicht, wäre es ohnehin zu spät. Das Spiel wiederholt sich: Er schneidet und hält mir das Ergebnis unter die Nase, solange bis in seiner Handfläche nur noch millimeterlange Fitzelchen liegen. Ich kämpfe meine Armbanduhr unter dem Überwurf heraus und atme auf. Das ging schnell. Doch da hatte mein Friseur auch den Föhn noch nicht angesetzt. In Sachen Sorgfalt können hier deutsche Friseure definitiv etwas lernen - was nun folgt ist eine Haartrocknung mit nie dagwesener Hingabe, nur unterbrochen von seiner regelmäßig wiederkehrenden Frage, was ich denn nun trinken möchte. Dass ich getränktechnisch vollkommen wunschlos bin, macht ihn ganz kirre, verstößt es doch gegen den übermächtigen türkischen Servicegeist. Schließlich mischt sich auch die Besitzerin ein und versucht mir ein Glas Cay anzudrehen. Die stämmige Frau in kräftigen Farben hat als Haupthaar einen rosanen Büschel, geformt wie ein Wattebausch samt einem ordentlich geföhntem Pony, der ausschaut als hinge ihr eine umgedrehte Regenrinne im Gesicht. Sie will mich überreden meinen Pony schneiden zu lassen. Während ich wild gestikulierend ablehne, versuche ich nicht auf ihren Pony zu starren. 
Dann rennt die Zeit und wird knapp und ein Blick in den Spiegel sagt mir, dass er zehn Minuten gebraucht hat um gut ein Drittel meines Haares zu trocknen. Dickes Haar hin oder her - mir reichen gewöhnlich fünf. Er macht allerdings auch keine Anstalten, sich zu beeilen. Ich schaue energisch auf die Uhr und vergrößere meine Geste, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. "Noch zehn Minuten!" sage ich, während er meinen Kopf nach hinten zerrt. Er hat die Ruhe weg, nickt nur, föhnt weiter. Strähne für Strähne. "Ich muss meinen Zug bekommen!" Ich rutschte auf dem Stuhl umher und überlege, wie es aussieht mit halb geföhnten Haupthaar aus dem Salon zu stürmen. Ich starre penetranter auf die Uhr und er resigniert und erkennt meinen Zeitdruck an. Kurz darauf wird die Kollegin von einer Kundin abkommandiert und schließlich zerren beide energisch an meinem Haar und föhnen es voller Inbrunst. Ich darf erst aufstehen, als es perfekt liegt.

Außerdem ist das alles unschlagbar günstig gewesen. Ich habe 15 TL, umgerechnet also weniger als 7 Euro für meinen Schnitt bezahlt.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Meine Katze gibt es


Wieder ein Tag in der Schule vorbei und es ist beinahe erstaunlich, wie schnell meine Unterrichtsstunden vorbeigehen. Der Umgang mit den Kindern ist schleichend leichter geworden – parallel zu meinen wachsenden Türkischkenntnissen. Es scheint mehr Eindruck auf sie zu machen, wenn man sie in ihrer Muttersprache zurechtweist, als in Deutsch lautstark vor sich hin zu fluchen. Letzeres hat bei den Kindern lediglich ausgeprägte Lachanfälle zur Folge gehabt.
Heute hatte ich die Fünftklässler, namentlich 5B („Bäsch Bää“) und 5C („Bäsch Dschää“). Auch hier deutliche Fluktuation zu verzeichnen: In der ersten Stunde gab’s bei drei Schülern praktisch Einzelunterricht, in der zweiten tröpfelten nach und nach, mit bis zu 45 Minuten Verspätung, acht Schüler ein. Spaß macht der Unterricht auch, weil sie alt genug sind, dass ich ihnen grammatikalische Grundlagen beibringen kann. Ich versuche es zumindest. Mir ist nicht so recht klar, wie man mich eigentlich mit gutem Gewissen auf die Schüler loslassen kann. Das muss man sich mal überlegen: Ich kann kein Türkisch, was eine Kommunikation mit den Kindern deutlich erschwert. Mein Englisch ist auf relativ gutem Niveau – aber wie man es unterrichtet, davon habe ich keine Ahnung. Überhaupt habe ich noch nie wirklich Kinder unterrichtet, mein pädagogisches Grundwissen lässt sich also mit gutem Gewissen als rudimentär deklarieren. Meine Unterrichtsmethoden werden auch nicht überprüft, man lässt mich einfach mal machen (was genau ich eigentlich unterrichten soll hat mir im Übrigen auch keiner gesagt). Nur hin und wieder kommt mein Chef in die Klasse, um nach dem Rechten zu sehen. Er steht dann grinsend an der Wand und wenn ich den Raum verlasse um Kopien zu machen, dann streitet er sich bei der Rückkehr mit den Kinder, welcher Fußballverein der bessere wäre (er ist großer Beșiktaș-Fan und lässt keine Möglichkeit aus, das klarzustellen). Ein anderes Mal begrüßte mich bei meiner Rückkehr ein im Chor vorgetragenes „I love Werder Bremen“, das er ihnen in meiner Abwesenheit beigebracht hatte.
Auf dem Lehrplan stand heute: „I have got“ plus Verneinung und Fragestellung. Eine wirkliche Freude war es aber, die türkische Übersetzung an die Tafel zu kritzeln. Ich habe dabei gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, glücklich, die türkische Form zu kennen. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Schon mein Türkischbuch begrüßt mich mit den denkwürdigen Sätzen:
„Wir haben gute und schlechte Nachrichten für Sie. Die schlechte Nachricht sind alle damit verbunden, dass Türkisch einfach anders ist als westeuropäische Sprachen.“ Und mit anders treffen es die Autoren auch wirklich sehr gut. Immerhin finden sie eine versöhnliches Ende nach dieser Ankündigung: „Wenn sie sich erst einmal an die Tatsache gewöhnt haben, dass das Türkische anders funktioniert, ist es eine sehr regelmäßige und logische Sprache.“ Alles sehr richtig. Was das anders genau meint, ist schwer zu erklären, wenn man sich noch nie mit einer außereuropäischen Sprache beschäftigt hat. Der auffälligste Unterschied ist zum einen veränderte Satzstellung: Wenn ich das Gefühl habe, wie Meister Joda die Worte zu verdrehen, dann bin ich mit dem türkischen Sprachgefühl im Einklang. Der andere große Unterschied kommt in Form von Suffixen daher: Wo wir im Deutschen ein extra Wort einbauen, kleben die Türken einfach ein paar Buchstaben an das Wort ran. Fertig aus. Das muss man sich so vorstellen: Während das Englische „I have got…“ dem Deutschen „Ich habe…“ so verdächtig ähnlich sieht, dass man eine enge Verwandtschaft unterstellen könnte, funktioniert das ganze Haben und Nicht-haben im Türkischen nach einem ganz anderen Prinzip. Für das Verb „Haben“ gibt es keine genaue Übersetzung. Will man beispielsweise sagen „Ich habe eine Katze“, dann heißt „Benim kedim var“ (kedi = Katze), was so viel bedeutet wie „Meine Katze gibt es“. Anfangs habe ich das noch für banal einfach gehalten – bis ich dann auf das Phänomen der Vokalharmonie getroffen bin, über das ich mich hier nicht näher auslassen will. Lediglich so viel: Auch im türkischen wird dekliniert und jede Endung kann je nach Vokalharmonie bis zu vier verschieden Formen annehmen. Und wer jetzt vier mit sechs multipliziert, hat eine Ahnung, von meiner kleinen, alltäglichen Suffix-Hölle.
In der Praxis kann das Buchstabenkleben zu bizarren Buchstabenansammlungen führen: „Avusturyalılaştırttıramadıklarımızdandır“ beispielsweise ist ein Wort, für wir im Deutschen immerhin einen Satz mit 15 Wörtern brauchen würden. Er heißt so viel wie: „Er/Sie/Es gehört zu denjenigen, für die wir niemanden finden konnten, der/die sie 'österreichisieren' lassen konnte.“ Solche Wortgerüste machen wirklich große Freude, wenn man versucht, Türkisch als Fremdsprache zu lernen. Dünger für meine Motivation, wirklich.

Ein kurzer Nachtrag noch, über den Jungen vom Imbiss gegenüber. Ich habe Burak gefragt, ob er wüsste, ob der Junge zur Schule geht – oder nicht. Er meinte schon ja, aber die viele Arbeit im Imbiss fordern ihren Tribut: Er hat ausschließlich schlechte Noten.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Langschläfer

Ein bisschen verspätet, weil schon drei Monate hier und bis dato mit der Stadt alleingelassen, lese ich im Augenblick “Gebrauchsanweisung für Istanbul”, von Kai Strittmatter. Das Buch vereint treffende Beschreibungen der Stadt und seiner Bewohner mit interessanten Hintergrundinformationen – und ist zudem auch noch sehr unterhaltsam. Die Passage über das alltägliche Verkehrschaos ist so komisch (und zugleich so treffend), dass ich im Minibus lauthals loslachen musste – und mich alle Insassen verwirrt angestarrt haben. Menschen, die grundlos lachen (zumal weder mit Handy am Ohr, sondern lediglich mit der Nase im Buch), haben ja schon etwas Verschrobenes an sich…
Das Buch füttert mich nun also mit nützlichen Informationen und das ein ums andere Mal geht mit nach der Lektüre plötzlich ein Licht auf. Strittmatter belegt in einem Kapitel sehr anschaulich die Aversion der Türken gegenüber Stadtplänen und beschreibt dessen Orientierungssystem, das von Bezugspunkten abhängig ist (anstelle von „dritte Straße rechts“ besser: „hinter dem großen roten Haus einbiegen“). Und schwupps sehe ich meine Diskussion mit Istanbuler Taxifahrern in einem anderen Licht. Einem von ihnen hatte ich einmal eine Karte unter die Nase gehalten, dick rot eingekreist darauf: unser Ziel. Er hat sich trotzdem verfahren und der Karte keine Beachtung geschenkt. 
Taxifahrer, die den Weg nicht kennen, fahren denn trotzdem erst mal los und telefonieren während der Fahrt ihren Kollegen hinterher, bis einer den Weg erklären kann. Auch das ist nicht immer ein Garant dafür, dass man ankommt wo man hinwill. Kein Türke gibt freiwillig zu, den Weg nicht zu kennen. Es ist stattdessen üblich, den Fragenden in die ungefähre Richtung zu schicken. Man will ja schließlich helfen…

Über das Stadtteil, in dem ich arbeite, schreibt der Autor vor dem Hintergrund der extremen Diskrepanz zwischen arm und reich einige Sätze. Es sei eines der ärmsten Stadtteile Istanbuls steht dort. Fikirtepe heißt die Gegend und liegt auf der asiatischen Seite im Stadtgebiet von Kadıköy. Wie arm die Kinder hier tatsächlich sind, das fällt auf den ersten Blick nicht auf. Die Schule ist gut ausgestattet, mit neuesten Computern, einer stetig wachsenden Bücherei und auch ich schreibe im Unterricht auf einer modernen Multimedia-Tafel (die sich allerdings gegen mich verschworen zu haben scheint und ständig den Dienst verweigert). Doch dann sieht man sich die Kinder an, sieht alte Kleidung mit grob geflickten Löchern und Plastiktüten anstelle von Tornistern. Und die Mütter, die ich bisher kennengelernt habe, tragen ausnahmslos Kopftuch. Die Häuser rund um die Schule wirken nicht selten wie behelfsmäßige Verschläge, mehr schlecht als recht mit kaputten Dachziegeln gedeckt und ich kann nur erahnen, wie kalt der Winter der letzten Wochen in den schlecht isolierten Häusern gewesen sein muss.
Ein Junge fällt mir besonders auf, obwohl er keiner meiner Schüler ist. Unser Essen bringt ein kleiner Imbiss von gegenüber, der für wenig Lira ein Tagesgericht anbietet. Der Sohn des Inhabers bringt es herüber, trägt das Tablett mit Tellern und Besteck ins Lehrerzimmer und holt das dreckige Geschirr und das Geld später wieder ab. Er ist ein niedlicher, schüchterner Junge; immer mit geröteten Wangen, der leise grüßt, wenn er mich sieht. Von meinem Fenster aus, sehe ich ihn den ganzen Tag über den Platz vor unser Schule laufen; sehe wie er Çay und Essen ausliefert und ich frage mich: Geht dieser Junge überhaupt zur Schule? Oder muss er den ganzen Tag im Imbiss seines Vaters arbeiten?

Die Türken sind übrigens ein Volk von Langschläfern, sagt Strittmatter. Rush Hour ist hier nicht in den frühen Morgenstunden, wie etwa in Deutschland. Das größte Stauaufkommen ist etwa zwischen neun und zehn Uhr – und das sagt schon einiges über die Aufstehgewohnheiten der Istanbuler aus. Wenn gegen halb zehn meine Kollegen auf der Arbeit eintreffen, dann wird erst einmal in Ruhe gefrühstückt – selbst wenn die Schüler mal eben zehn Minuten auf den Unterricht warten müssen. Und jetzt wo die Ferien vorbei sind und die Klassen leerer als vor den freien Tagen, liefert das ausgeprägte Schlafbedürfnis auch gleich die Erklärung für die hohe Fluktuation. Mein Kollege Burak meinte: „Ich glaube, die Kinder haben in der freien Zeit Gefallen am lange Schlafen gefunden. Jetzt schaffen sie es nicht mehr, früh aufzustehen.“ Das war allerdings kein Scherz von ihm, sondern ein ernstgemeinter Verdacht. In der Vergangenheit kam bereits eine Mutter auf ihn zu und meinte, ihr Kind würde nicht mehr kommen – es würde jetzt lieber lange schlafen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Der Weg ist das Ziel

Straßenzug in Sariyer
Mit leiser Schadenfreude habe ich mir die Fotogalerien über den Kälteinbruch in Europa angesehen. Festgefrorene Autos, meterhohe Schneeberge - und zweistellige Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Unerwartet erweist sich das Überwintern in Istanbul als verdammt guter Einfall. Die Kälte der letzten Woche ist vergessen, seit letzten Freitag zeigt das Thermometer frühlingshafte Temperaturen. Samstag waren es gut 12 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Einer Eingebung folgend (oder vielleicht lässt sich an dieser Stelle auch von einer spontanen, undurchdachten Schnapsidee sprechen), haben wir am Samstag beschlossen, mit Bussen irgendwie ans Schwarze Meer zu fahren. Irgendwie. Wir kannten die ungefähre Richtung und hatten einige Namen notiert. Wirklich anzukommen war allerdings zweitrangig. Unser Mantra lautete: Der Weg ist das Ziel. 
Mit Metro und Minibus fuhren wir zunächst gen Norden, in den nördlichsten Stadtteil Istanbuls: Sariyer. Direkt am Bosporus entlang, wo kleine Fischerboote in den Wellen des Flusses schaukelten. Sariyer scheint kein Teil von Istanbul mehr zu sein. Beinahe niedlich, kleinstädlich erscheinen die Straßenzüge. Der Eindruck der beruhigten Kleinstadt täuschte - wie uns ein Deutschtürke an der Bushaltestelle bestätigte: Der rasante Bevölkerungsanstieg hat auch vor den Außenbezirken nicht halt gemacht. Die Zahlen sprechen für sich: Noch 1950 lebten rund 1 Million Menschen in Istanbul, 2010 waren es an die 13 Millionen - und das sind nur die offiziellen Zahlen. Je nach Schätzung werden die Einwohner Istanbuls mit bis zu 20 Millionen Menschen angegeben. Aus dem dörflichen Sariye wurde ein belebter, bevölkerungsreicher Stadtteil. Und in der Rush Hour ist die Hauptstraße ebenso verstopft wie im restlichen Istanbul: es gibt kein Durchkommen mehr.


Wir stiegen dort in den ersten Bus, der bis ans Meer fahren sollte. Mit irrsinniger Geschwindigkeit heizte der Gelenkbus über die Landstraße - um uns dann scheinbar im Nirgendwo auszuspuken. Kein Meer, kein schwarzes. Nur eine ruckelige Dorfstraße und ein Bakkal, das türkische Gegenstück zum Tante-Emma-Laden. Dann ein Hoffnungsschimmer: Ein Schild, das zu einem Beach Restaurant weist. Ohne Meterangabe allerdings. Doch am Horizont, zwischen den Bäumen können wir schließlich ein Schiff ausmachen, scheinbar Kilometer entfernt. Wir folgten dem Schild, eine Landstraße hinunter, die sich endlos schlängelte. Der Weg ist das Ziel. Aber der Weg war eine Landstraße im Nirgendwo mit einem Schiff am Horizont.
Dann ein Musterbeispiel für die türkische Hilfsbereitschaft: Ein Türke hielt am Straßenrand und sammelt uns drei bkeloppte Deutsche ein, die scheinbar ziellos die Straße hinab trotteten. Wir sagen ihm, dass wir zum Meer wollten und stellten und auf eine längere Fahrt ein. Doch dann, vielleicht einen Kilometer weiter hielt er für uns. Wir konnten es erst kaum sehen, weil es sich hinter einem Fischrestaurant versteckt hielt: das Schwarze Meer. Vor uns erstreckte sich nun eine kilffgesäumte Bucht, samt Badestrand. Nur einen kurzen Aufstieg später standen wir am Rand der Klippe und bestaunten das Schwarze Meer, das sich vor uns erstreckte. Am Horizont eine Ansammlung Containerschiffe, die darauf warteten, in den Boporus einfahren zu dürfen. Unter uns das Meer, das gegen die Klippen brandete. Über uns der wolkenlose Himmel; der Horizont nun sanft gefärbt, von der nahenden Dämmerung kündend. Als Blickfang ein großer Mond über dem Kliff auf der gegenüberliegenden Seite. Ein atemberaubender Anblick.
Wie kann der Weg das Ziel sein - wenn das Ziel einem so die Sprache verschlägt?

Das Mädchen und die Schlange

Mein liebstes Istanbuler Wahrezeichen ist nicht die pompöse Hagia Sofia, jenes wunderschöne, aber gigantische Gebäude in Sultanahmet, das im Laufe seines Bestehens erst Kirche, dann Moschee war (je nach Wunsch des jeweiligen Herrschers) und heute als Museum jährlich seinen Besuchern eine einmalige Symbiose beider Religionen darbietet. Auch nicht die Blaue Moschee, die eigentlich nicht besonders blau ist, sondern vielmehr rot. Beide Gebäude sind wunderschön anzusehen, liegen direkt nebeneinander im Touristenviertel Sultanahmet und sind besonders nachts, wunderschön beleuchtet, ein absoluter Blickfang. Mein liebstes Istanbuler Wahrzeichen sind auch nicht die Bazare, auch wenn man bei Istanbul beinahe unwillkürlich das Bild exotischer Gewürzbasare und das reiche Angebot von aufwändigen Stoffen, Tüchern, bemalten Schalen und bunten Glaslampen vor Augen hat. 

Ich liebe den Kiz Kulesi, den Mädchenturm (in Europa wird er Leanderturm genannt). Er ist weniger pompös, beinahe unscheinbar: Ein kleiner Turm im Bosporus, nahe dem asiatischen Stadtteil Üsküdar. Im Laufe der Zeit hatte er verschiedene Funktionen, wurde als Leuchtturm, Quarantänestation, Zollhaus, Gefängnis und Alterssitz für Seeoffiziere genutzt. Heute lässt sich in seinem Erdgeschoss ein schmuckes Restaurant und in seiner runden Kuppel ein Café finden - in dem für türkische Verhätlnisse durchaus anständiger Kaffee serviert wird (!).







Mädchenturm wird er aufgrund einer Legende genannt: Einem König wurde einst gewahrsagt, seine geliebte Tochter würde vergiftet werden und sterben. Um ihren Tod zu verhindern, sperrte er sie in den Turm. Eines Tages wurde der Königstochter ein Korb mit Obst gebracht, in dem sich eine Schlange verbarg. Die Schlange biss das Mädchen - und diese starb. Zugegeben: Die Geschichte ist schnell erzählt und die Gebrüder Grimm haben definitiv ein besseres Gespür für einen ausgefeilten Spannungsbogen bewiesen. Aber auch die Geschichte hinter dem zweiten Namen, dem in Europa geläufigen "Leanderturm", kann nicht unbedingt mit dramaturigischem Genie aufwarten. Immerhin kommt aber etwas dramatischer daher: Die Sage geht auf eine antiken Überlieferung zurück, nach der Leander jede Nacht den Fluss durchschwamm, um zu seiner geliebten Hero zu gelangen. Als eines Nachts die Fackel, die ihm den Weg zeigen sollte, erlosch, verlor Leander die Orientierung und ertrank in den Fluten. Als Hero ihren toten Geliebten am Ufer fand, warf sie sich ebenfalls in den Fluss.


Nachdem ich den kleinen Turm nun drei Monate aus der Ferne bewunderte, habe ich endlich die Zeit gefunden, ihn zu besichtigen. Ich kann nicht einmal genau sagen, weshalb er mich so fasziniert. Er ist hübsch anzusehen, kann mit Istanbuls eindrucksvollen historischen Gebäuden in Punkto architektonischer Raffinesse aber nicht konkurrieren. Doch wie er so ruhig daliegt, zwischen den Kontinenten, im Wasser des Bosporus, der Lebensader der Riesenstadt, strahlt er auf mich eine undefinierbare Anziehung aus. Insbesondere nachts, wenn er beleuchtet wird und sich in seinem Rücken die schier unendliche Stadt als ein Teppich funkelnder Lichter über die Berge legt, mit dem schwarzen Band des Bosporus zu seinen Füßen.